Die Litanei der Selbstverantwortung

6th
Feb. × ’22

„Ich finde ja, alle Menschen sollten ab einem gewissen Alter für sich selbst sorgen können.“

Falls es einen Satz gäbe, auf den sich alle Deutschen einigen könnten, so wäre es dieses oder ein ähnliches Mantra der sogenannten Selbstverantwortung. Schauen wir uns das einmal näher an.

Für sich selbst sorgen – was heißt das eigentlich?

Geld. Es heißt Geld. Existenzielle Bedürfnisse sind etwas käufliches, genauer: sie sind zwingend käuflich. An Hunger leidende Menschen weltweit haben kein Problem fehlender Selbstverantwortung, sondern ein Problem fehlender Mittel. Es bedarf einiger Fähigkeiten, für sich selbst sorgen zu können, jedoch sind diese für die meisten von uns eher selbstverständlich: Die Fähigkeit, Geld in Waren umzutauschen. Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, um Formulare auszufüllen (z.B. Gesundheitsvorsorge, auch das fällt unter Existenzsicherung). Die Fähigkeit, schädlichen Konsum aller Art zu erkennen und ein unbedrohliches Maß nicht zu überschreiten (Rauschmittelabhängigkeit, aber auch Kaufsucht, übermäßiger Medienkonsum etc.). Die Fähigkeit, Bedürfnisse wahrzunehmen und zu verfolgen (eine Wohnung zu mieten, um nicht obdachlos zu sein; ärztliche Hilfe im Krankheitsfall aufsuchen).

Noch ein theoretischer Gedanke: Tatsächlich benötigt es nicht nur Geld und grundlegende Fähigkeiten, sondern auch Verfügbarkeiten, die in Deutschland allerdings gegeben sind. Dennoch ist es interessant, sie kurz zu erwähnen, weil Verfügbarkeiten nicht unbedingt beeinflussbar sind und damit nicht unter die gepriesene Selbstverantwortung fallen: Die Verfügbarkeit von Tauschwaren wie Nahrungsmittel oder Medikamente (Geschäfte, Apotheken, Impfzentren). Die Verfügbarkeit von Sauerstoff und Wasser. Ersteres ist noch selbstverständlich, das andere ist in Deutschland bisher nicht privatisiert. Die Verfügbarkeit von Fachpersonal (Stichwort Pflegemangel). Selbstverständlich korrelieren zudem Verfügbarkeit und Fähigkeiten mit der ökonomischen Situation.
Zusammengefasst: Ohne Geld keine Selbstverantwortung.

Die Unfehlbarkeit des Geldes

Als politischer Hartz4-Empfänger sehe ich mich häufig mit der Frage konfrontiert, mit welchem Recht ich dem Staat “auf der Tasche” liege, obgleich es mir durchaus möglich wäre, eine Arbeit zu verrichten. Dieser Punkt ist wahnsinnig interessant, und zwar vor allem deshalb, weil die Frage eigentlich gar nicht das meint, was sie ausformuliert. Dahinter steht der deutsche Glaubenssatz der „Unfehlbarkeit des Geldes“. Intuitiv:

Wenn du für eine legale Tätigkeit Geld verdienst, dann arbeitest du.

Der Begriff der Arbeit ist also verknüpft mit der Tatsache, dass Geld generiert wird. Der logische Umkehrschluss dieser Aussage lautet:

Wenn du nicht arbeitest, verdienst du auch kein Geld mit einer legalen Tätigkeit.

(Das stimmt nebenbei bemerkt auch nicht ganz, siehe z.B. Miete). Der Umkehrschluss, wie wir ihn als Gesellschaft allerdings verstehen, lautet:

Wenn du nicht arbeitest, hast du es nicht verdient, Geld zu erhalten.

Aus einer wahren Aussage wird also durch einen kleinen Wortdreher ein ethisches Axiom – eine Wertung – gesponnen. Mit anderen Worten:

Wenn du kein Geld damit verdienst, isses auch nix gscheits!

Geld wird also zur ethischen Norm erhoben. Dadurch bestätigt seine bloße Existenz bereits das moralisch Richtige. Geld ist unfehlbar.
Zurück zur Frage, mit welchem Recht ich mich auf Staatskosten verwöhnen lasse, anstatt zu arbeiten. Hinter dieser Frage steht ganz offensichtlich der Vorwurf, dass ich etwas falsches mache, etwas verwerfliches. Ich lasse mir jeden Monat Geld vom Staat ausbezahlen, ohne dafür eine vorgegebene, kontrollierbare Aufgabe zu erfüllen. Und genau hier findet der logische Fehlschluss statt, erzeugt durch den Glauben an die Unfehlbarkeit des Geldes: Der Fehlschluss, ich würde nicht arbeiten. Bei all unseren Unstimmigkeiten gibt es einen einzigen Punkt, auf den ich mich mit meinen Kritiker*innen einige (nur checken die das nicht): Es gibt super wichtige Arbeit und diese super wichtige Arbeit zu verrichten ist die Verantwortung eines jeden Menschen, der dazu in der Lage ist. Nur gibt es keine Kausalität zwischen der Bezahlung einer Arbeit und ihrer Wichtigkeit.

Welche Arbeit ist super wichtig? Ganz einfach: Jede Arbeit, die einen gesellschaftlichen Mehrwert – also das gute Leben in Freiheit für alle Lebewesen – verfolgt und noch nicht erledigt wird. Meine Kolumnen zum Beispiel werden diesem Anspruch gerecht, solange sich Menschen nicht genug mit ihren Inhalten befassen; danach sind sie offenbar überflüssig. Ich arbeite also durchaus – vorerst unbezahlt – und hole mir meine Bezahlung dafür übers Hartzen ab; ich bitte den Staat nur nicht um seine Legitimation meiner Arbeit. Ich verantworte meine Arbeit selbst.

Wer ist „dazu in der Lage“? Interessanterweise genau die, die sich danach fühlen. Sich gesellschaftlich zu beteiligen, Dazugehören, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Selbst die großen Meister*innen der Meditation – des bewussten Nichtstuns – sind bestrebt, ihr Wissen weiterzugeben. Nichts zu tun und dahin zu vegetieren ist kein Zustand, der sich auf Dauer gut anfühlt, auch wenn das für frustrierte in Lohnarbeit Gefangene so wirken mag. Wir sehnen uns nach einem Sinn. Wenn du arbeitslos bist und nichts mit dir anzufangen weißt, möchtest du sicherlich nicht freiwillig in diesem Zustand verweilen. Meine arbeitslosen Kolleg*innen und ich sind nicht freiwillig an diesem Punkt. Wir können uns nicht aussuchen, in was für einer Gesellschaft wir aufwachsen und leben. Wir können uns der Gesellschaft auch nicht verweigern. Wir müssen in ihr, mit ihr, leben, weil die Gesellschaft heutzutage omnipräsent ist. Wenn sich ein arbeitsloser Mensch nicht beteiligt, ist das nicht sein Versagen; es ist das Versagen der Gesellschaft. Warum versuchen wir, Menschen in eine Form zu zwingen, die sie von ganzem Herzen ablehnen, anstatt Formen zu entwickeln, in denen sich diese Menschen entfalten könnten? Weil wir dann anerkennen müssten, dass deren Probleme unsere Verantwortung sind. Leider wird stattdessen lieber nach unten getreten, um sich dieser Verantwortung zu entziehen. In der Lage wären also theoretisch alle, nur ermöglicht die Gesellschaft nicht allen, dazu in der Lage zu sein. Nicht zu arbeiten ist immer eine Protestform und Protest ist ein Zustand, der letztendlich darauf abzielt, gelöst zu werden. Die pessimistische Lösung ist es, Arbeitslosigkeit zu sanktionieren, wie es die Nazis gemacht haben, wie es noch heute geregelt wird. Die optimistische und nachhaltigere Lösung wäre eine weniger widerliche Gesellschaft, an der sich die Menschen freiwillig und gerne beteiligen. Davon sind wir weit entfernt. In der Forderung nach Sanktionierung arbeitsloser Menschen zeichnet sich der Wunsch ab, dass insbesondere die ärmere Bevölkerungsschicht ein Leben ohne verpflichtende Lohnarbeit bitte nicht verdient haben sollen. Alternative Lebensweisen soll es nicht geben und die Menschen, die trotzdem nach ihnen leben, sollen um jeden Preis verdrängt werden. Vor allem, wenn sie ein scheinbar angenehmes Leben führen. Es wird der eigenen Unfähigkeit, Lebensglück oder -erfüllung zu empfinden, damit genüge getan, dass diejenigen dafür verantwortlich gemacht werden, die danach suchen und dafür zwingend entgegen geltender Normen arbeiten.

Es braucht keine Menschen, die für sich selbst sorgen können und es braucht auch keine Lohnarbeit. Was es endlich mal braucht, sind Menschen, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Nicht um Karriere zu machen, nicht aus moralischer Erhabenheit, sondern weil es verdammt nochmal zu einer normalen und gesunden Lebensweise dazugehören sollte, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Egoismus ist eine Maxime, die in unserem Zeitalter des materiellen Überflusses nichts mehr verloren hat. Geld zu verdienen und das Gesetz nicht zu brechen, bedeutet noch lange nicht, ein valides oder gar vorbildliches Leben zu führen. Wir brauchen neue Maßstäbe, um uns gegenseitig zu bewerten, wenn wir schon nicht damit aufhören können. „Für sich selbst sorgen“ gibt es nicht. Wir leben als Menschheit in einem – teils verstrickten, teils losen – Kollektiv. Wir sind voneinander abhängig. Deshalb gibt es auch keine selbstständige Arbeit. Dein Job ist abhängig von vielen anderen Jobs (und der Ausbeutung) vieler anderer Menschen. Es gibt gesellschaftlichen Mehrwert, aber das gerade vom Prekariat einzufordern ist so was von skurril, weil er systemisch eigentlich nicht angestrebt wird. Die meisten Menschen tun das, was sie “Arbeit” nennen, hauptsächlich aus Zwang oder um sich selbst zu bereichern. Oder, weil sie nichts besseres mit sich anzufangen wissen. Diejenigen, die versuchen, einen Mehrwert unabhängig von persönlichem Profitinteresse zu erfüllen, werden von euch ausgelacht, unterbezahlt und als weltfremde Utopist*innen diffamiert.
Wer für gesellschaftlichen Mehrwert arbeitet, kann der von Geld geschaffenen Moral nämlich gar nicht gerecht werden: Geld geht Hand in Hand mit Ungerechtigkeit. Die finanzstärksten Industrien (Fossile, Autos, Rüstung, Agrar, Flugverkehr, Finanzsektor) sind beinahe ausnahmslos auch die Industrien, die von der Ausbeutung unseres Planeten am stärksten profitieren und innerhalb dieser Industrien sind abermals die Marken die erfolgreichsten, die am stärksten auf Ausbeutung von Umwelt und Lebewesen setzen. Die Menschen, die am allerbesten „für sich selbst sorgen“ können (also die reichsten Menschen) sind die Entscheidungsträger ebendieser Industrien. Erfolg ist Glück und Erfolg ist vererbbar (beides wissenschaftlich nachgewiesen). Soll heißen, wer in der Industrie aufsteigt, ist maßgeblich von Faktoren wie Wohlstand der Eltern, Diskriminierung und nicht zuletzt von reinem Zufall abhängig. Das hat alles recht wenig mit Selbstverantwortung zu tun.

Die Problematischen

Hinter der Angst vor dem „faulen Asozialen“ (Nazi-Rhetorik) hingegen verbirgt sich auch die menschliche Unfähigkeit, mit Zahlen umzugehen. Hartz4-Empfangende kosten den Staat jährlich 36 Milliarden Euro (3,09 Mio. Bedarfsgemeinschaften mit 966€ monatl. Zahlungsanspruch). Die Unterlassung einer Erbschaftssteuer von 50% kostet den Staat jährlich geschätzt 100-150 Milliarden Euro. Beides Geld, das ohne eine Gegenleistung ausgehändigt wird. Das eine den vielen, die nichts haben, das andere den wenigen, die nie wissen werden, wie es sich anfühlt, nichts zu haben. Wer ist der Gesellschaft denn nun eine größere Last? Globale Ungerechtigkeit, Co²-Bilanz, Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe, politische Korruption und nicht zuletzt Legitimator neoliberaler Ausbeutungspolitik: Die Reichen tragen nicht nur unverhältnismäßig wenig bei. Vor Allem schaden sie aktiv dem Planeten und seinen Bewohner*innen. Fakt ist auch, dass die Jobs, die von Konzernen geschaffen werden, fast durch die Bank unzufriedenstellend für die Beschäftigten sind und sie unglücklich bis depressiv machen(schon mal für Amazon gearbeitet?). Die Produktionsketten gehen mit Gefahren für Klima, Gesellschaften und Demokratien weltweit einher. Wo Jobs im Regelfall die Zerstörung unserer Lebensgrundlage befeuern, ist politisch motivierte Lohnarbeitsverweigerung nicht bloß eine Alternative. Sie ist die vernünftige Entscheidung.

Die Folgen eines gelebten Ideals

Wohin also führt die Litanei der „ehrlichen Arbeit“? Zur Bestätigung des bestehenden Klassismus, denn: nur wer arm ist, muss sich der Tugend fügen – sich beweisen und bekommt dafür dennoch nicht mehr als ein Leben in Armut. Wer reich ist, muss seine Existenz nicht vor der Gesellschaft rechtfertigen. Sie führt außerdem zu Rassismus: Als Klassenfeind werden nicht etwa Konzerne oder ausbeuterische Verhältnisse erkannt, sondern jene, die darunter zu leiden haben: zum Beispiel sog. „Wirtschaftsflüchtlinge“. Als ob ein Mensch in einem Land, dessen Grundwasser privatisiert und teuer verkauft wird, das von EU Außenpolitik unter Druck gesetzt und ausgebeutet wird, für sein Elend selbst verantwortlich wäre. Und genau diese Forderung nach Selbstverantwortung dann von denjenigen Menschen, die gerne bei Konzernen shoppen, obwohl sie es sich leisten könnten, das nicht zu tun. Denjenigen, die meinen, einen gewissen Wohlstand verdient zu haben. Das ist peinlich, aber vor Allem ist es makaber.

„Schule, Arbeit, Rente, Tod“ hat so oder so ähnlich der Amokläufer von Winnenden in seinem Abschiedsbrief geschrieben. Ich hatte zwar noch nie den ehrlichen Drang, Kinder zu erschießen, die für meine Lage genau so wenig können, wie ich, aber die Perspektivlosigkeit des Mörders konnte ich damals nachvollziehen und kann es noch heute. Und alle Suizidgefährdeten können es auch. Es ist keine Obrigkeit, die ihm diese skurrile Moralvorstellung aufgezwungen hat. Es seid ihr. Ihr alle, die ihr die wirtschaftliche Verwertbarkeit eines Lebewesens höher anseht als sein Leben. Ihr, die ihr voll Inbrunst von Recht und Verantwortung redet und neoliberale Unterwerfung meint. Für euch ist der prekarisierte Mensch nur so viel wert, wie er arbeitet. Schämt euch.

Fazit

Geld zur Tugend zu erheben ist für einige fair, für manche ärgerlich, für andere gefährlich. Der Gedanke stützt das Nazi-Paradigma des „unnützen Asozialen“, dessen bloße Existenz die Gesellschaft gefährde. Wollen wir ein gutes Leben für alle oder ein lukratives für einige? Falls wir ersteres wollen, müssen wir das faschistische Ideal überwinden, dass ein jeder Mensch sich seinen Platz verdienen müsse. Weil es erstens nicht stimmt und nie gestimmt hat (Fun Fact: Der Adel war damals vom Nichtstun und Mangel an Beschäftigung depressiv) und es zweitens einen unnötigen Druck auf das mittellose Individuum ausübt, der dessen Selbstentfaltung behindert. Auch in einer Gesellschaft, die ein gutes Leben für alle anstrebt, gibt es Ethik und Regeln. Die Pflicht, sich durch Lohnarbeit zu beweisen, gehört nicht dazu. Wir müssen den “neidischen Blick” loswerden, mit dem wir andere beurteilen. Stattdessen sollten wir unsere Ressourcen in die Transformation einer Gesellschaft fließen lassen, in der wir uns selbst entfalten können, ohne andere von selbigem abzuhalten. Eine Gesellschaft ohne Zwang funktioniert deshalb, weil der Mensch von innen heraus stets das Bedürfnis hat, ein Teil von ihr zu sein- einen Beitrag zu leisten. Eine inklusive Gesellschaft funktioniert also, weil sie vom Großteil nicht bloß akzeptiert, sondern entweder verantwortet oder verändert wird. Eine reiche Gesellschaft hingegen, die sich das bedingungslose Recht auf ein würdevolles Leben nicht leisten kann, ist für die meisten kein sicherer Ort und damit ein Ort des Misstrauens und mein ganz persönliches Feindbild. Aber hey, am Ende macht hier noch jeder, was er will; und wer könnte das schon wollen?

 


 

Diskussion:
Muss mensch sich ein angenehmes Leben verdienen?
Wenn ja, wer hat sich das verdient?
Ab welchem Alter muss mensch es sich verdienen?
Ist es auf jedem Kontinent gleich einfach, sich ein angenehmes Leben zu verdienen?
Muss dieser Verdienst durch Steuern geleistet werden?
Wenn ja, wie können Beamte sich das dann verdienen?
Also so etwas wie Mehrwert durch die Arbeit selbst?
Ist das nicht auch genau das, was Klima-Aktivismus leistet?
Warum wird Klima-Aktivismus dann nicht vom Staat subventioniert?

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